Portraits

Schon lange kein „Benjamin“ mehr: Carsten Schneider (SPD)

Als Carsten Schneider 1998 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt wurde, war der SPD-Twen aus Erfurt der Benjamin in der SPD-Bundestagsfraktion. Anders als viele Politiker-Kollegen, die mit Anfang 20 schon wirken als hätten sie die 40 überschritten, sah Schneider auch aus wie 22. Das machte aber nichts, erzählt der heute 41-Jährige – „die haben mich zunächst bestaunt wie einen Exoten“.

Der Bundestagsneuling hatte trotzdem einen guten Start: Die Regierungsbildung von Gerhard Schröder saugte viele politische Talente aus der Bundestagsfraktion ins Kabinett. Und die Thüringer Sozis hatten dermaßen viele Thüringer Bundestagswahlkreise gewonnen, dass die Landesgruppe einen Anspruch auf einen Sitz im begehrten Haushaltsausschuss hatte. Den bekam der blutjunge Bundestagsneuling, denn der hatte außer viel Chuzpe noch eine abgeschlossene Banklehre vorzuweisen.

Erster „Coup“: Millionen für die Klassik Stiftung

Im Haushaltsausschuss des Bundestages machte sich der gebürtige Erfurter schnell einen Namen – etwa als er in einer stundenlangen Nachtsitzung für die Stiftung Weimarer Klassik einen zweistelligen Millionen-Zuschlag herausverhandelte. Das kam so überraschend, dass sogar Präsident Helmut Seemann zunächst nicht wusste, wofür die Stiftung den unerwarteten Geldsegen ausgeben könnte. „So geht das“, sagt Schneider selbstbewusst. ALLES, jeder Ausgabenposten des Bundes, müsse von den Haushaltspolitikern abgesegnet werden. Wo, wenn nicht dort ließen sich Wohltaten für den heimischen Wahlkreis herausverhandeln. Und weil Schneider genau dies smart und beredt tat, konnte er den Erfurter Wahlkreis zweimal direkt für die SPD wiedergewinnen.

In dieser Zeit erweiterte Schneider seine politische Agenda in Berlin – profilierte sich als Wirtschaftsexperte, begleitete fachkundig die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, befasste sich für seine Fraktion mit Fragen der Globalisierung. Auch wenn er dem Spruch „Geld regiert die Welt“ viel abgewinnen kann, gehört Schneider innerhalb der Sozialdemokratie eher zum rechten Flügel, kann sich zum Beispiel ganz aktuell eine rot-rote Zusammenarbeit im Bund nicht vorstellen. Das hänge aber auch mit seinen Erfahrungen mit den Linken im Bundestag zusammen. Anders als etwa bei den pragmatisch orientieren, ost-sozialisierten Thüringer Linken würden in der linken Bundestagsfraktion zuviele West-Linke mit K-Gruppen-Vergangenheit mitreden: Ideologisch angestaubt, dogmatisch, nicht regierungsfähig, findet Schneider.

Stellvertretender Fraktionschef

Die Berliner Erfahrungen haben Schneider allerdings nicht gehindert, 2014 bei der Bildung der rot-rot-grünen Landesregierung in Erfurt tatkräftig mitzuwirken. Auch bei der Inthronisation von SPD-Chef Andreas Bausewein als Nachfolger des glücklosen Christoph Matschie. „Ich versuche, Andreas den Rücken zu stärken“, sagt Schneider. Dies gelte auch für das größte politische Projekt von Rot-Rot-Grün – die Gebietsreform. „Wenn Linke, SPD und Grüne gemeinsam nicht die politische Kraft aufbringen, diese für Thüringen lebensnotwendige Reform umzusetzen, dann ist Rot-Rot-Grün als Reformregierung gescheitert.“

In der zu Ende gehenden Wahlperiode wurde der Erfurter noch einmal befördert: Zum stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion. Damit ist er der Thüringer Bundestagsabgeordnete mit dem meisten Einfluss in Berlin. Nach der Wahl würde Schneider dieses Amt gerne weiterführen. „Da wäre ich schon zufrieden.“ Und sonst? Politische Beobachter halten Schneider durchaus für ministrabel. Immerhin hat mit Manuela Schwesig gerade eine ostdeutsche SPD-Politikerin das Bundeskabinett in Richtung Mecklenburg-Vorpommern verlassen. Falls also eine SPD-Ministerriege gebildet werden muss, dann gibt es für Martin Schulz durchaus Bedarf ein einem jungen und talentierten Politiker aus dem Osten Deutschlands.

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