Gastbeiträge

Es gibt keine strategischen Emotionen

Für den „Hammelsprung“, ein politisches Magazin von Studierenden der NRW School of Governance, habe ich folgenden Beitrag verfasst:

Ja, ich gebe es freimütig zu: Es gab den Moment vor dem weißen Blatt, an dem ich die Zusage für dieses Grußwort bereut habe! „Politik und Emotionen“ – haben die Studenten denn nichts Besseres zu erforschen? Politik ist schließlich eine rationale Angelegenheit und Emotionen gehören ins Ehebett. So dachte ich jedenfalls mit meinem Karl Popper in der Hosentasche und kaute auf dem digitalen Bleistift.

Doch dann kam r2g in Thüringen und als frisch gewählter Landesvize der SPD sehe ich mich spätestens seit der Aufnahme der rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen in Erfurt von Emotionen umzingelt. So schnell kann Theorie praktisch werden!

Verblüffende Ambivalenz: Während die Redaktion durch die Ereignisse länger als geplant auf diesen Text warten musste, wofür ich mich nochmals in aller Form entschuldige, bekam ich hierdurch doch genau die tagesaktuellen empirischen Eindrücke, die diese Zeilen befördert haben.

Von „Verrat“ ist dieser Tage in Thüringen viel die Rede, von „Tabubruch“ und „Geschichtsvergessenheit“, alles samt hochemotionale Begrifflichkeiten und der politische Akteur, der sich dem kritischen Rationalismus verpflichtet fühlt, muss die Kraft des besseren Arguments auch an der Front politischer Emotionen behaupten können. Und Don Quichotte ist sein ständiger Begleiter!

Als brauchbares diskursives Konzept hat sich dabei die Unterscheidung von authentischer Emotion und strategischer Emotionalisierung herausgestellt. Als Arbeitshypothese, sozusagen.

Ja, es gibt die sich selbst legitimierende emotionale Einlassung, sofern sie personengebunden und authentisch, soll heißen unmittelbar und unverfälscht geäußert wird. Ich erlebe dieses Phänomen derzeit in Gesprächen mit skeptischen Parteimitgliedern. Was sollte man den gesättigten biografischen Negativerfahrungen in der DDR von respektablen Demokraten, deren Sohn man sein könnte, auch argumentativ entgegen setzen? Entweder ist der Respekt zu groß oder das Gefühl zu stark. Auf dieser persönlichen Ebene tut das streitlustige Sachargument gut daran, einfach nur zuzuhören, aktiv, nachdenklich, in angemessener Demut! Hier hat Emotionalität ihre uneingeschränkte politische Legitimation, als konstruktiv-kritische Unschärferelation. Ja, wir brauchen diese Emotionen als sittliche Ressource für ein gelingendes Miteinander!

Doch auch auf den persönlichsten Gefühlen ziehen strategische Trittbrettfahrer ihre Runden. Emotionalität verspricht noch jeder politischen Kampagne Anschlussfähigkeit. Sittlich wertvoll ist das selten und hoffentlich immer weniger erfolgreich!

Wenn anlässlich der zeitgeschichtlichen Erinnerung an den Mauerfall vor 25 Jahren derzeit in Thüringen kollektive Gefühle als Protest gegen eine demokratisch legitimierte Regierungsbildung proklamiert werden, muss das skeptisch stimmen. Auf den zweiten, spätestens auf den dritten Blick entpuppen sich hinter dem Vorhang gemeinschaftlicher Gefühlsregungen doch immer wieder sehr heteronome Interessen!

Und das 20. Jahrhundert ist ein plastisches Beispiel für das gesellschaftliche Spaltungspotential, für die destruktive Macht und die letztliche Unkontrollierbarkeit allzu kritiklosen und euphorischen Gemeinschaftsempfindens. Können Gefühle überhaupt zugleich authentisch und kollektiv sein? Ich glaube, das sind eher Stimmungen, allgemeine Gefühlslagen. Der WM-Titel, weihnachtliche Besinnlichkeit oder ausgelassene gemeinschaftliche Lebenslust zum Karneval! All dies hat seine Berechtigung, es mag Rhythmus geben, eine Art sozialer Orientierung, aber niemals Überzeugung.

Solche sozialen Stimmungslagen sind ebenso verlockend wie spontan. Es sind „social moments“. Sich damit positiv zu verknüpfen, ist in freien Gesellschaften sowohl wirtschaftlich als auch politisch zwingend! Dies ist Teil der kommunikativen Geschäftsgrundlage. Die Grenze zur Emotionalität verläuft freilich oftmals fließend. Doch auf die kritische Grenzziehung kommt es gerade an!

Um es mit Popper zu formulieren, muss sich „die offene Gesellschaft“ genau an dieser virtuellen Grenze gegenüber „ihre(n) Feinde(n)“ behaupten, jeden Tag. Ich will das abschließend an einem Beispiel aus dem bereits in Anspruch genommenem 20. Jahrhundert verdeutlichen.

Als Willy Brandt am 7. Dezember 1970 in Warschau vor dem „Ehrenmal der Helden des Ghettos“ auf die Knie ging, war das eine höchst persönliche Geste, die die Welt zu Tränen rührte. Das war eine authentische Emotion, ebenso wirkmächtig wie legitim. Unvergesslich und ihre Legitimation unmittelbar aus sich selbst beziehend! So etwas entzieht sich jeder strategischen Planung. Diese emotionale Spontanäußerung hat die Stimmung im In- und Ausland nachhaltig geprägt.

Auch in Demut vor derartigen Persönlichkeitsäußerungen bleibe ich weiterhin skeptisch eingestellt gegenüber strategischen Emotionalisierungen und vertraue auf argumentative Kritik und nüchterne Vernunft für die Bearbeitung politischer Problemlagen. Emotionen im Ehebett mögen dafür hilfreich sein.

Derweil wünsche ich den Leserinnen und Lesern dieser Ausgabe eine rationale Lektüre in guter Stimmung! Ich danke der Redaktion für die freundliche Einladung und singe ein Loblied auf die Freiheit von Forschung und Lehre.

© Hammelsprung Ausgabe 9