Prinz aus der Provinz: SPD-Spitzenkandidat Carsten Schneider

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Carsten Schneider steht im Studio des ZDF-Morgenmagazins. Dunkles Jackett, graue Krawatte mit fliederfarbenen Streifen, gewählte Worte. Der SPD-Finanzexperte macht eine gute Figur. Zunächst zumindest. Doch dann will Moderatorin Dunja Hayali Details wissen, wie genau die Sozialdemokraten Geringverdiener entlasten wollen. Das überlasse er Martin Schulz, sagt Schneider mehrfach und gebetsmühlenartig. Hayali hakt nach. Schneider kommt ins Schwimmen.

Es ist Mai und der Donnerstag vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Und im SPD-Bundesvorstand ist vereinbart, dass Spitzenkandidat Schulz erst am Montag danach Einzelheiten seines Programms vorstellt. Ein Fehler, wie sich später herausstellt. NRW wird für die SPD zum Debakel. Sie verliert in ihrem Stammland die Macht, und der ohnehin strauchelnde Schulz stürzt weiter ab.

„Dunja Hayali hat mich gegrillt“, sagt Schneider gut zwei Monate später selbstkritisch.

 Eigentlich ist er längst ein routinierter Redner. Ob im Parlament oder in Fernsehstudios: Er klärt über die Finanzhilfen für Griechenland auf, erläutert, warum ein Transparenz-Register für Unternehmen wichtig ist, fordert nach der Frankreich-Wahl EU-Reformen.

Dass er an diesem Tag im Vorfeld der wichtigen Wahl eine schlechte Figur machte, ärgert ihn. Aber es geht nicht nur um seine Person, es geht um die Partei. „Wir haben eine gute Ausgangsposition verballert“, sagt er. Am 24. September ist Bundestagswahl. Schneider ist der Spitzenkandidat der Thüringer SPD. Und er ist ein alter Hase. Trotz seiner gerade mal 41 Jahre sitzt er beinahe 20 Jahre im Bundestag.

1997 fängt alles an. Die Jusos wollen einen eigenen Kandidaten für den Bundestag ins Rennen schicken, finden aber niemanden, der entweder schon eine Ausbildung oder ein Studium beendet hat. Schneider schließt gerade seine Banklehre ab – und sagt zu. Die CDU in Erfurt nimmt den Jungspund nicht ernst. Die örtliche SPD ist gespalten. Schneider muss eine Kampfkandidatur überstehen. Hauchdünn setzt er sich schließlich gegen die etablierten Parteifreunde durch. Das war im September. Im Januar 1998 ist er bereits wieder kurz davor, die Brocken hinzuschmeißen. Der Druck ist enorm. Die Alten in der Partei ziehen sich enttäuscht zurück, weil Schneider nicht ihr Kandidat ist. Die Jusos haben wieder andere Dinge im Kopf. Schneider bleiben eine Handvoll Gefährten. Aber mit Themen und Wahlkampf kennt er sich nicht aus. Nach einer kurzen Phase des Zauderns entschließt er sich, durchzuziehen.

Um sich bekannt zu machen, steht er vor dem Erfurter Rathaus und bügelt Hemden, kniet sich in die politischen Themen rein. Mit Erfolg. Er wird direkt in den Bundestag gewählt.

Rot-Grün regiert. Bundeskanzler ist ein gewisser Gerhard Schröder und Schneider der jüngste Abgeordnete aller Zeiten. Er sitzt im Haushaltsausschuss, hat von Tuten und Blasen keine Ahnung.

Dennoch scharren sich ständig Fernsehteams um den Prinz aus der Provinz. Er wird zum Liebling der Medien. Allein dreimal ist er zu Gast in der damals kultverdächtigen Harald-Schmidt-Show. Alte, erfahrene Parlamentarier, selbst einflussreich zwar und mit vielen Kontakten, aber ohne größere öffentliche Aufmerksamkeit, beäugen das Treiben zunehmend missmutig. Irgendwann nimmt ihn eine Kollegin zur Seite und fragt: Willst Du arbeiten oder bist Du hier für Show? Da hat Schneider verstanden.

Er lernt die Haushaltspolitik von der Pike auf, ist für den Justizetat in der SPD-Fraktion zuständig, konzentriert sich auf den Wahlkreis, arbeitet solide.

In der nächsten Legislatur, Schneider wird wieder direkt gewählt, erhält er den weitaus größeren Bildungs- und Forschungsetat, wird stellvertretender haushaltspolitischer Sprecher. „Ich hatte immer klare Ziele, aber es waren nie große Sprünge, sondern folgerichtige Entwicklungen. Und Glück war manchmal auch im Spiel“, sagt Schneider heute.

Er sitzt an einem Morgen im Juli im Biergarten seiner Erfurter Stammkneipe und frühstückt. Rührei mit Toast, frisch gepressten Orangensaft, einen Pott Kaffee. Schneider raucht nicht mehr, trinkt nur noch wenig Alkohol. „Die ersten Anzeichen der Midlife-Crisis“, scherzt er. Wie kann es der in den Umfragen abgeschlagenen SPD gelingen, wieder Fahr aufzunehmen? „Wir müssen Martin Schulz in den Mittelpunkt stellen. Wir müssen zuspitzen. Es geht darum, ob die Menschen eine gerechte Politik mit der SPD-Regierungsbeteiligung wollen oder Schwarz-Gelb“, sagt Schneider.

Es klingt fatalistisch. Aber Schneider ist ein Routinier. Dass man einen langen Atem braucht, nicht aufgeben darf, weiß er aus eigener Erfahrung.

Im Jahre 2005 folgt ein weiterer Karriereschritt. Schneider wird haushaltspolitischer Sprecher. Es ist die Zeit der großen Koalition und der Finanzkrise. Peer Steinbrück ist Finanzminister, Schneider sein Gegenpart in der Fraktion, er profiliert sich, betreut federführend das Finanzmarktstabilisierungsgesetz. Die öffentliche Aufmerksamkeit nimmt wieder zu, aber dieses Mal, weil er fachlich etwas zu sagen hat.

2013 erklimmt er in der parlamentarischen Hierarchie die nächste Stufe. Trotz Gegenkandidat und fehlender Hausmacht wird der Thüringer einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. Er ist einer der wenigen Ostdeutschen, die es so weit nach oben geschafft haben. In der Fraktion haben Landesverbände, zumal wenn sie so klein sind wie der Thüringer, kein Gewicht, die politischen Flügel schon. Schneider ist deshalb einer der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises geworden. Er ist zudem seit vielen Jahren Vorsitzender des so genannten Vertrauensgremiums, das die Haushalte der bundesdeutschen Geheimdienste kontrolliert. Hier lässt er sich auch schon mal über die Weltlage unterrichten.

Könnte er sich vorstellen von der Spree wieder an die Gera zu wechseln?

„Ich habe ein großes Herz für Thüringen und die Thüringer SPD. Aber ich habe zu lange politische Berliner Luft geschnuppert“, gesteht er. Die großen Themen interessieren ihn mehr: internationale Finanzpolitik, IWF-Jahrestagungen, globale Fragen von Arm und Reich. All das wird im Landtag nicht entschieden. Dort stehen Bildungs- und Innenpolitik oder die Gebietsreform oben auf der Agenda. Schneiders Leib- und Magenthemen sind das nicht.

Er ist Abgeordneter für Erfurt und Weimar. Aber seinen Hauptwohnsitz hat Schneider seit langem in die Nähe Berlins verlegt, um Job und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Seit 2010 lebt er mit seiner Frau und den beiden Töchtern (9 und 11) in Potsdam. Weil er den Wechsel sofort öffentlich machte, haben es ihm die Wähler nicht krumm genommen. In den sitzungsfreien Wochen ist er drei, dreieinhalb Tage in Erfurt. Sonntags versucht er nur in Ausnahmen Termine zu machen. Wenn er die Zeit findet, schwingt er sich aufs Rennrad, ab zu läuft er, fährt Motorrad oder angelt.

Und was kann jetzt beruflich noch kommen? Minister?

„Ich mache meinen jetzigen Job sehr gerne weiter“, sagt Schneider und blinzelt im Biergarten gegen die niedrig stehende Sonne. In seiner jetzigen Position dürfte er unangefochten sein. Aber betrachtet man Schneiders Entwicklung, nimmt man ihm nicht ab, dass sein Aufstieg zu Ende sein soll.

Dass er, der 20 Jahre als freier Abgeordneter selbstbestimmt seine Runden drehte jetzt, unter einem Minister Staatssekretär wird, kann man sich dabei jedoch nur schwer vorstellen. Aber wer weiß. Und natürlich wäre der Posten des Fraktionschefs auch eine Option. Aber: Das Fell des Bären wird erst verteilt, wenn er erlegt ist. Schneider sagt zu alldem ebenso wenig wie zu möglichen Koalitionen.

Zwischen den aktuellen Partnern CDU und SPD gebe es signifikante Unterschiede, bei der Rente beispielsweise. Oder bei der paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Steuerpläne der CDU entlasten vor allem die höchsten Einkommen.

Dennoch: Die Union ist in den Umfragen davon gezogen.

„Ich glaube aber wirklich, dass noch viel wackelt“, sagt Schneider.

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